Fehlender Netzanschluss: Microsoft steigt bei Nscale in Essex aus

Microsoft hat sich aus dem KI-Rechenzentrum zurückgezogen, das Nscale in Loughton in der Grafschaft Essex plant. Der Standort sollte ab Anfang 2027 Azure-Kapazität für Großbritannien bereitstellen. Der Telegraph meldete den Rückzug am 18. Oktober, Reuters zog am 19. Oktober nach. Beide Berichte nennen denselben Grund, den Strom: Die Netzverantwortlichen haben Nscale mitgeteilt, dass sie den Standort voraussichtlich nicht vor den 2030er-Jahren versorgen werden.

Ein 50-MW-Gebäude wartet auf seinen Anschluss

Loughton wurde im September 2025 während des US-Staatsbesuchs angekündigt und gehörte zu den 22 Milliarden £, die Microsoft damals als Investition in Großbritannien vorstellte. Laut The Register waren 23.040 GPUs vom Typ Nvidia GB300 in einer 50-MW-Anlage geplant, mit Platz für einen Ausbau auf 90 MW; Nscale vermarktete das Projekt als größtes souveränes KI-Rechenzentrum Großbritanniens. Im März diente das Grundstück noch als Gerüstlager. Inzwischen hat Nscale es geräumt.

Neu war die Warnung nicht. The Register verweist auf einen Bericht des Guardian vom September, wonach UK Power Networks Nscale mitgeteilt hatte, die Kapazität stehe möglicherweise erst in den 2030er-Jahren zur Verfügung. Der Verteilnetzbetreiber äußert sich nach eigenen Angaben nicht zu einzelnen Anschlüssen, weist aber darauf hin, dass viele Rechenzentren auf den Ausbau des nationalen Übertragungsnetzes warten, das ihm nicht gehört.

Microsoft betont, die Entscheidung betreffe einen einzelnen Standort, die Partnerschaft mit Nscale gehe weiter. Nscale erklärt, man halte an Loughton fest, prüfe dafür alternative Energiequellen und sehe sich auch andere Standorte in Großbritannien an. Welche Quellen gemeint sind, hat das Unternehmen nicht gesagt. Es spricht von einem Netzproblem, das ganz London betreffe; seine übrigen Verträge seien nicht berührt. Der Zeitpunkt ist ungünstig: Nscale hat im September einen Börsengang in den USA beantragt, und der Prospekt nennt Microsoft und Anthropic unter den wichtigsten Kunden.

Die britische Anschlusswarteschlange in Zahlen

Nach Angaben von Reuters können Anschlusswarteschlangen Rechenzentrumsprojekte um bis zu 13 Jahre aufhalten. The Register liefert das britische Bild: Die Anschlussanfragen stiegen in weniger als einem Jahr von 41 GW auf 125 GW, mindestens 80 GW davon von Rechenzentren, und Ofgem hat vorgeschlagen, für Anschlussanfragen Gebühren zu erheben, um die spekulativen auszusortieren. Einige britische Projektentwickler planen bereits gasbefeuerte Erzeugung, statt zu warten.

Aufmerksamkeit verdient hier die Formulierung „alternative Energiequellen“. Für eine 50-MW-Halle am Stadtrand von London kommen Gasmotoren, Turbinen oder Brennstoffzellen vor Ort in Frage, entweder dauerhaft oder als Überbrückung, bis das Kabel liegt, vielleicht mit einer kleineren ersten Ausbaustufe. Keine dieser Lösungen lässt sich einfach einsetzen. Ein Standort, der für Netzbezug mit Notstromaggregaten geplant ist, hat Platz für Kraftstofftanks und eine Aggregatefläche; ein Standort, der seinen Strom selbst im Dauerbetrieb erzeugt, braucht zusätzlich einen Gasanschluss, Abgaskamine, Wärmeabfuhr für den Dauerbetrieb und eine Emissionsgenehmigung, und in bebautem Gebiet wird der Lärm zu einem eigenen Genehmigungsthema. Ob das Grundstück in Loughton all das aufnehmen kann, muss nun Nscale beantworten. Mehr dazu, wie Erzeugungsanlagen Rechenzentren versorgen.

Vorerst hat der Standort einen Chip-Termin 2027 ohne Ankermieter und einen Stromtermin in den 2030er-Jahren ohne veröffentlichten Plan B.

Quellen: Reuters (Yahoo Finance), The Register

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