Kann ein Rechenzentrumsentwickler eigene Kapazität ins Netz einbringen, ohne ein Kraftwerk zu bauen? Google setzt ein Gigawatt darauf. Am 22. Oktober kündigten Google und Voltus, ein Unternehmen, das dezentrale Energieressourcen bündelt, an, ihr virtuelles Kraftwerk im PJM-Gebiet um 1.070 MW zu erweitern. Im Juni hatten die beiden einen Vertrag über 100 MW geschlossen.
Wie die Kapazität zusammenkommt
Voltus gewinnt Haushalte, Geschäfte und Fabriken als Teilnehmer und bezahlt sie dafür, ihren Verbrauch zu senken, wenn das Netz unter Druck steht. Die flexible Last stammt aus Batterien, intelligenten Thermostaten, Anpassungen industrieller Prozesse und laut Utility Dive auch aus Eigenerzeugung vor Ort. Die Teilnehmer werden über niedrigere Stromrechnungen und direkte Zahlungen vergütet, Voltus bietet die gebündelte Kapazität am Markt von PJM an. Google finanziert das Programm.
Der Hochlauf dauert. Ein Sprecher von Voltus sagte Utility Dive, die volle Kapazität solle in drei bis vier Jahren erreicht sein; der Vertrag mit Google laufe bis 2040. Die Unternehmen sprechen von einem der größten dezentralen Kapazitätsportfolios, die ein Hyperscaler bisher aufgebaut hat; laut Utility Dive hat Voltus in Nordamerika rund 8,5 GW an dezentralen Anlagen unter Vertrag.
Warum PJM, und warum jetzt
PJM, mit 67 Millionen Kunden in 13 Bundesstaaten und Washington, D.C. der größte Großhandelsmarkt der USA, hat seine Zuverlässigkeitsreserven unterschritten, während die Kapazitätspreise stiegen – ein wesentlicher Grund ist die Nachfrage der Rechenzentren. Der Marktbeobachter Monitoring Analytics fordert, dass Rechenzentren und andere Großverbraucher eigene neue Erzeugung mitbringen, bevor sie angeschlossen werden. Der eigene Vorschlag von PJM unter dem Motto „bring your own new capacity“, der auch die Abregelung von Großlasten ohne neue Erzeugung bei Netzengpässen vorsah, wurde Anfang dieses Monats von der FERC weitgehend abgelehnt.
Vor diesem Hintergrund stellt Google die Vereinbarung als eigenen Kapazitätsbeitrag zu den Netzen dar, die seine Standorte versorgen. Voltus beschreibt das Modell als alternativen Weg zum Netzanschluss für Rechenzentrumsentwickler, vergleichbar mit den Stromabnahmeverträgen, mit denen früher Wind- und Solarparks finanziert wurden.
Lastverzicht ersetzt keinen Notstrom
Ein virtuelles Kraftwerk nimmt in der Spitze Last aus dem Netz; einer Rechenzentrumshalle hilft es nicht, wenn die Netzeinspeisung ausfällt. Die Notstromaggregate eines Rechenzentrums bleiben genau dort, wo sie waren. Was sich ändert, ist die Verhandlungsposition beim Netzanschluss: Kapazität, die sich dem Netzbetreiber nachweisen lässt, ohne neue Turbinen oder Motoren vor Ort. Bemerkenswert ist auch, dass viele der teilnehmenden Betriebe ihre eigenen Stromaggregate vor Ort nutzen werden, um ihren Bezug zu senken – manche dieser Motoren könnten also mehr Betriebsstunden sammeln als bisher. Ob ihre Kühlung und ihre Wartungspläne dafür ausgelegt wurden, ist eine berechtigte Frage für jeden Standort, der sich anmeldet.
Quellen: Voltus, Utility Dive
